Geopolitischer Brennpunkt Griechenland


Griechenland im Spiegel von Großmachtinteressen und Globaler Politischer Ökonomie

Von David X. Noack

Griechische Flagge zur Unabhängigkeitswerdung

Griechische Flagge zur Unabhängigkeitswerdung

1832 wurde der bayerische Wittelsbacher Prinz Otto, Sohn König Ludwigs I. von Bayern, als Otto der Erste der erster griechische neuzeitliche König. Otto I. war den revolutionären Hellenen von den europäischen Großmächten Großbritannien, Frankreich und Russland aufgedrückt worden. Zur Herrschaftssicherung hatte König Otto noch bis 1843 bayrische Truppen vor Ort. Das „unabhängig“ gewordene Königreich fristete ein Dasein als Spielball vor allem russischer und britischer Großmachtinteressen. Moskau verfolgte über Jahrhunderte den Drang an die warmen Meere und London hatte ein Interesse an den Handelsrouten auf den Weltmeeren, vor allem nach Indien.

Das erst sehr kleine Königreich Griechenland wuchs territorial immer weiter auf Kosten des Osmanischen Reiches. Doch nicht alle griechisch besiedelten Gebiete konnte Athen inkorporieren: 1878 „verpachtete“ der „kranke Mann am Bosporus“ die Mittelmeerinsel Zypern an Großbritannien. Darüber hinaus annektierte das italienische Königreich 1912 die Dodekanes-Inseln im heutigen Osten des hellenischen Staatsgebietes. Bis 1913 jedoch konnte Griechenland seine Grenzen bis nach Bulgarien und Albanien im Norden sowie die gesamte nicht-italienische Ägäis ausweiten.

Im Ersten Weltkrieg verhielt sich Griechenland zunächst neutral. Der damals herrschende Konstantin I. gehörte dem Adelshaus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg und war der Schwager vom deutschen Kaiser Wilhelm II. – zu seiner Frau nahm Konstantin I. die deutsche Prinzessin Sophie von Preußen. Aufgrund der Verwandtschaft und einer „deutschfreundlichen“ Haltung behielt Athen vorerst den Neutralitätszustand im Großen Krieg. Doch Konstantin I. wurde machtpolitisch an den Rand gedrängt und unter seinem auf die (britisch kontrollierten) Weltmeere orientierten Premier Eleftherios Venizelos wurde Hellas zu einem Aufmarschgebiet der Entente. Sowohl britische, französische, russische als auch serbische Expeditionskorps nutzten Griechenland als Basis, obwohl das Land weiterhin neutral blieb. Unter Konstantins Sohn Alexander trat Griechenland dann dem Ersten Weltkrieg auf der Ententeseite bei.

Nach dem Ersten Weltkrieg wollte Griechenland große Teile Kleinasiens und der Westtürkei annektieren und kämpfte im britischen Interesse gegen die nationalrevolutionären Türken unter Atatürk, der mit der Sowjetunion verbündet war. Der Griechisch-Türkische Krieg endete für Athen im Desaster und die türkische Kriegspartei konnte das Festland konsolidieren. Die Hoffnung des russischen Zarenreiches, den Bosporus zu annektieren und somit an Griechenland zu grenzen wurden während der Oktoberrevolution zerschlagen. Zur Niederschlagung der Revolution wurden auch griechische Truppen entsandt. Hellenische Truppen hielten die südukrainische Stadt Cherson, die jedoch im März 1919 von der Roten Armee genommen wurde.[1]

Im Zweiten Weltkrieg griff das faschistische Italien den britischen Verbündeten Griechenland vom italienischen Vizekönigreich Albanien aus an. Die Militärexpedition endete für Rom im Desaster und griechische Truppen konnten große Teile Albaniens besetzen. Das Dritte Reich, mit Italien verbündet, intervenierte und besetzte Gesamtgriechenland. Die britischen Truppen, die auf der griechischen Seite kämpften, mussten sich in andere Territorien des Empires zurückziehen. Die griechische Regierung unter Georg II. zog sich nach Kairo zurück.

Bulgarien und Italienisch-Albanien annektierten Teile des ehemaligen hellenischen Staatsgebiets, das restliche Gebiet wurde deutsch besetzt und die Bevölkerung litt unter einer brutalen Besatzung. Großen Rückhalt in der Bevölkerung konnte die Nationale Befreiungsfront EAM mit ihrem antifaschistischen Befreiungskampf gewinnen. Die EAM schaffte es, das Land bis 1944 quasi selbst zu befreien. Doch Stalin und Churchill hatten 1944 in einem Geheimabkommen abgemacht, dass Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg 90% Einfluss auf das Land an der Ägäis ausüben dürfe.

Ab 1944 eroberten britische Truppen Griechenland. Ihr Gegner war jedoch nicht die Wehrmacht, sondern die Befreiungsarmee EAM, die das Land befreit hatte. US-Präsident Roosevelt war äußerst beunruhigt über das britische Vorgehen, starb jedoch 12. April 1945.[2] Sein Nachfolger Harry S. Truman führte einen Schwenk in der US-Politik Griechenland gegenüber durch: Im an die Unterdrückung der griechischen Befreiungsbewegung anschließenden Bürgerkrieg unterstützten die Vereinigten Staaten die Royalisten im Kampf „um ihre Freiheit“. Griechenland wurde in atlantische Politik- und Wirtschaftsstrukturen integriert, das Land erhielt Gelder aus dem European Recovery Program („Marshall-Plan“), gründete 1948 die Organisation for European Economic Co-operation (OEEC) mit und trat 1952 der NATO bei. Pro Kopf gerechnet war Griechenland das Land, welches die vierthöchsten ERP-Zuwendungen bekam.[3]

Die griechische herrschende Klasse wurde in der ersten Hälfte des Kalten Krieges vor allem von Händlern dominiert, die gute Kontakte in das gesamte Ostmittelmeer hatten.[4] Die griechische Handelsbourgeoisie profitierte vom Öl in Nahost, da die ersten Öltankerflotten griechisch waren. Diese Oberschicht Griechenlands hatte kein Interesse an einer Industrialisierung des Landes – diese Rolle übernahm der griechische Staat. Industrialisierung und durch die Liberalisierung ermöglichte Investitionen aus dem Ausland drohten die traditionell gewachsenen Sozialstrukturen der griechischen Gesellschaft aufzubrechen. Aus Angst vor einem politischen Linksrutsch trug die hellenische Bourgeoisie den von den USA mitgetragenen Putsch der Obristen im Jahr 1967 mit.[5] Bis 1974 herrschte eine Junta über das Land und unterdrückte die Opposition. Die US-Unterstützung des Putsches war Teil eines Plans, der Europäischen Gemeinschaft ein US-Gegengewicht im Mittelmeer entgegenzusetzen.[6]

Mit US-Unterstützung forcierte die griechische Junta einen Putsch auf Zypern, um die dort herrschende Regierung von Makarios III. zu stürzen.[7] Der griechisch-zypriotische Erzbischof und Regierungschef war eine starke Kraft in der internationalen Bewegung für eine neue internationale Wirtschaftsordnung (New International Economic Order, NIEO) gewesen. Die von den Festlandgriechen unterstützte Nationalgarde übernahm die Macht und die Speerspitze der NIEO-Bewegung in Europa wurde gestürzt. Der NATO-Partner Türkei entschloss sich, die Gelegenheit zu nutzen und besetzte den Nordteil der Insel. Die Spaltung hält bis heute an.

Erschüttert durch eine Rebellion in der eigenen Armee stürzte das Obristen-Regime und zivile Machthaber übernahmen wieder die Kontrolle über das Land. Wegen der türkischen Kontrolle Nordzyperns sowie der Duldung dieses Zustands durch die USA zog sich Griechenland 1974 aus den militärischen Strukturen der NATO zurück. In Washington befürchtete der Nationale Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten Henry Kissinger, einer der wichtigsten Strategen und Strippenzieher in der US-Administration von Gerald Ford, eine Außenpolitik á la Gaddafi in Libyen.[8] Gaddafis Libyen hatte sowohl enge Beziehungen zu den kontinentalen Kapitalfraktionen Europas als auch zu den Staaten der Warschauer Vertragsorganisation. Solch ein befürchtetes „Gaddafi-Griechenland“ wäre der größtmögliche Rückschlag für die US-Politik im Mittelmeer gewesen.

In der Politik Griechenlands schälten sich zwei große Lager heraus – der Europäismus und der Atlantizismus. Die griechische Außenpolitik wandte sich unter Konstantinos Karamanlis (Premier 1974–1980) den kontinentaleuropäischen Großmächten Frankreich und Deutschland zu. Doch mit Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt waren in Paris und Bonn zu der Zeit relative Atlantiker an der Regierung. Die Umorientierung Griechenlands erfolgte somit nur in einem begrenzten Rahmen. Athen visierte einen Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft an, um zu signalisieren, dass Griechenland weiterhin im westlichen Lager steht. Schmidt signalisierte der griechischen Regierung, dass sie die EG nicht als Ersatz zur NATO sehen sollten. Der französische Staatspräsident Giscard d’Estaing war sich sicher, dass Hellas nicht die EG-Voraussetzungen erfüllte, doch gewährten Berlin und Paris den Beitritt, da unter den oppositionellen griechischen Sozialdemokraten ein kompletter Bruch mit den USA favorisiert wurde.[9]

1980 trat Griechenland unter einer anderen konservativen Regierung dann wieder der NATO-Militärstruktur und 1981 auch der EG bei. Die Sozialdemokraten, die Andreas Papandreou die Wahlen von 1981 gewannen, machten diesen Schritt nicht rückgängig. Die PASOK-Sozialdemokraten wandten sich nicht vom Westen ab und ließen auch die US-Stützpunkte im Land bestehen. Papandreou baute jedoch die Beziehungen zu Libyen, Jugoslawien und den WVO-Staaten aus. Hierbei widersetzte sich die Regierung Papandreou auch westlichen Boykott-Interessen und der sozialdemokratische Premier war der erste westliche Premier, der die Notstandsregierung von Wojciech Jaruzelski in Polen besuchte.[10]

In der sich ab 1989 im Umbruch befindenden Welt agierte Griechenland oft US-Interessen widersprechend. So war Griechenland lange Zeit mit Jugoslawien verbündet. Andreas Papandreou, der bis 1996 regierte, galt als persönlicher Fan von Radovan Karadžić.[11] 1993 absolvierte Karadžić in Griechenland einen Staatsbesuch, was in anderen NATO-Staaten unmöglich gewesen wäre.[12] Am Zweiten Golfkrieg beteiligte sich Griechenland nur marginal, der Kosovo-Krieg 1999 wurde rundherum abgelehnt. Im vergangenen Jahrzehnt kamen noch die Ablehnung des Irakkrieges, die Nichtanerkennung der „Unabhängigkeit“ des Kosovo sowie eine lediglich marginale Beteiligung an Missionen wie ISAF in Afghanistan und EUFOR im Tschad hinzu.

Auch ökonomisch widersetzte sich Griechenland öfter den westeuropäischen und US-Interessen. So beteiligte sich die Regierung des Christdemokraten Kostas Karamanlis (2004-2009) an der Ölpipeline Burgas-Alexandroupolis, die dem US-Konkurrenten Nabucco in die Quere kam.[13] Nabucco ist mittlerweile gescheitert, die Burgas-Alexandroupolis-Pipeline jedoch auch. Dem US-Projekt Nabucco dürfte die russisch geführte Pipeline South Stream den Todesstoß versetzt haben, diese führt über Bulgarien und Griechenland russisches Gas auf den Balkan und nach Italien. Die griechische Regierung sieht in dem  Projekt eine Priorität, um „die Energiesicherheit durch eine Diversifizierung der Lieferrouten [zu] erhöhen.“[14]

Griechenland, welches sowohl unter konservativen als auch unter sozialdemokratischen Regierungen die vergangenen drei Jahrzehnte eine eigenständige Politik verfolgte, dürfte den Vereinigten Staaten sowie Atlantikern in Europa ein Dorn im Auge sein. Mit der so genannten „Troika“, die fortan die Wirtschafts- und Sozialpolitik von Hellas bestimmt, brachte die atlantische Regierung Deutschlands im Tandem mit Washington den IWF, Mittel der globalen Durchsetzung amerikanischer Wirtschaftsziele, nach Europa.[15] Ein bisher eigenständiger Akteur in Südwesteuropa ist somit ausgeschaltet. Athen schloss mit dem engen US-Verbündeten Israel in den vergangenen 12 Monaten wichtige Abkommen im Gas- und Militärbereich ab.[16] Israel hatte sich öffentlichkeitswirksam mit der Türkei überworfen und setzt seitdem auf gute Beziehungen zu den türkischen Rivalen Griechenland und Armenien. Eng angebunden an den US-Alliierten Israel und wirtschaftlich von IWF und EU stranguliert bleibt Griechenland somit weiterhin ökonomisch, politisch und wirtschaftlich ein Spielball der Großmächte.

[1] Mawdsley, Evan: The Russian Civil War, Edinburgh 2007, S. 130.
[2] „Jalta – eine Chance, die versäumt wurde“, russland.ru 03.02.2005. Hier abrufbar.
[3] Schain, Martin: The Marshall Plan: Fifty Years after, New York 2001, S. 154.
[4] van der Pijl, Kees: Global Rivalries – From the Cold War to Iraq, London 2006, S. 141. Hier erwerbbar.
[5] Ebenda.
[6] Ebenda.
[7] van der Pijl, Kees: The Making of an Atlantic Ruling Class, London 1984, Epilog: From Trilateralism to Unilateralism. Hier abrufbar. Hier erwerbbar.
[8] Rizas, Sotiris: Atlanticism and Europeanism in Greek foreign and security policy in the 1970s, in: Southeast European and Black Sea Studies, Jg. 8. Nr. 1 (2008), S. 51-66 (hier 54).
[9] Ebenda, S. 55.
[10] Loulis, John C.: Papandreou’s Foreign Policy, in: Foreign Affairs Winter 1984/1985.
[11] Michas, Takīs: Unholy Alliance – Greece and Milošević’s Serbia, College Station 2002, S. 24. Hier erwerbbar.
[12] Ebenda, S. 4.
[13] Socor, Vladimir: Russland stoppt Balkanprojekt, theheartlandblog.wordpress.com 23.02.2011. Hier abrufbar.
[14] South Stream für Diversifizierung der Energieversorgung wichtig – griechische Ministerin, de.rian.ru 01.06.2011. Hier abrufbar.
[15] Hofbauer, Hannes: Krisis heißt Wendepunkt, junge Welt, 04.05.2010. Hier frei zugänglich.
[16] Griechenland baut militärische Kooperation mit Israel aus, de.rian.ru 08.07.2011. Hier abrufbar. Sowie: Israel will Gaskooperation mit Griechenland, de.rian.ru 23.11.2011. Hier abrufbar.


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