Flandern, Wallonien, der Neoliberalismus und der Rheinische Kapitalismus


Kapitalfraktionen in Belgien

Von David X. Noack

Die südbelgische Region Wallonien dominierte die Wirtschaft Belgiens in der Blütezeit des Kapitals im 19. Jahrhundert. Französisch wurde landesweit gesprochen und der Kongo, Privatbesitz des belgischen Königs, war ebenso frankophon. Genau wie das französische Kapital investierte das belgische viel in das Russische Zarenreich. Der finanzkräftigste Financier Belgiens war jedoch Baron Empain, der mit der französischen Schneider-Gruppe (eine der wenigen in atlantische Wirtschaftszirkulationen eingebundene Unternehmensgruppen Frankreichs) verbandelt war.

1908 wurde als atlantischer Vorposten Sofina, eine belgische Elektroholding mit Verschränkungen zu AEG und General Electrics, gegründet.[1] An der Spitze von Sofina stand Dannie Heineman, ein enger Freund von Präsident Wilsons Berater Edward Mandell House. Paul van Zeeland, belgischer Premierminister während des Zweiten Weltkrieges, wurde Teil des Sofina-Boards während seiner Exilzeit, als Belgien das zweite Mal unter deutscher Besatzung stand.

Als das deutsche Kaiserreich im Verlauf des Ersten Weltkriegs die Chancen auf einen Sieg schwinden sah und sich deswegen auf einen Kompromissfrieden vorbereitete, intensivierte die deutsche Besatzungsmacht ihre sogenannte „Flamenpolitik“. Zugunsten der flämischen Nationalisten teilte die deutsche Besatzungsmacht Belgien 1917 in zwei Verwaltungsgebiete – Flandern und Wallonien. Der flämische Nationalismus wurde entfacht, um die französische Stellung in den Benelux-Ländern zu schwächen.[2]

In der Zeit zwischen den Weltkriegen dienten die Banken aus Wallonien als Schutzwall gegenüber den wirtschaftlichen Aufsteigern aus Flandern. Ein Widerspruch zwischen den „kosmopolitischen“/atlantischen und den kontinentalen Banken entstand und in jeder Region etablierten sich Banken auf beiden Seiten dieser Scheidelinie. Die Banque Bruxelles-Lambert sowie die Bank van Parijs en de Nederlanden (der belgische Ableger von Paribas) stellten die atlantische bzw. „kosmopolitische“ Seite des belgischen Kapitals. Auf der kontinentalen Seite standen die Société Generale und die Kredietbank.[3]

Als atlantische Konzerne schälte sich weiterhin Solvay raus. Solvay entstand Ende des 19. Jahrhunderts als erst belgischer und später multinationaler Chemiekonzern. Ende der 1920er Jahre versuchte das Unternehmen mit eigenen sozialpolitischen Konzessionen ein hegemoniales Projekt durchzusetzen, was jedoch scheiterte. Als durch die Weltwirtschaftskrise die Chance einer Volksfrontregierung immanent wurde, finanzierte der Chemie-Konzern das Magazin „Belgique Toujours“, welches solch eine Koalition verhindern sollte. Einer der Autoren war der Sozialdemokrat Paul-Henri Spaak.[4]

Bereits durch den Ersten Weltkrieg hatte Belgien seinen Status als „neutrale Macht“ verloren. Die herrschende Klasse sowie die Politik in Brüssel agierten fortan als Juniorpartner des französischen Imperialismus. Der ansteigende Einfluss der flämischen Oberschicht führte in der Zwischenweltkriegszeit zu erhöhtem Druck, die Allianz mit Frankreich zu verlassen, damit Belgien als neutraler Staat bessere Beziehungen zu den Niederlanden und Deutschland  verbessern könne. Die niederländisch-sprachige nordbelgische Elite agierte so, wie es das deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg erhofft hatte. Die belgischen Flandern hatten 1936 Erfolg und Belgien wurde wieder neutral – nur diese Mal unter vollkommen anderen Voraussetzungen als die Jahre und Jahrzehnte zuvor.[5]

Im Zweiten Weltkrieg ging die belgische Regierung nach London ins Exil. Dort war der Sitz verschiedener Exilregierungen, wie beispielsweise der Polens, der Tschechoslowakei, der der Niederlande, Luxemburgs und zeitweise auch Frankreichs. Ab dem Ende 1941 trafen sich die Exilregierungen Kontinentaleuropas regelmäßig und die European League for Economic Cooperation (ELEC) wurde gegründet. Die Exil-Regierungs- und Staatschefs begannen, Pläne für ein liberales Nachkriegseuropa zu schmieden.

Im englisch-liberalen Exil entstanden die ersten Pläne, Freihandelszonen zu gründen. So diskutierten J. van den Broek von Billiton und ‚Finanzminister‘ der niederländischen Exilregierung, und Camille Gutt von Brufina-Banque de Bruxelles über eine Zollunion. In London entstand die Idee des Benelux-Plans, der jedoch erst nach der Befreiung von den Faschisten in diesen Ländern pubik gemacht wurde.[6]

Doch die Macht der Bourgeoisie war nicht allzu sehr gefestigt. Mitglieder des belgischen Zweigs von Gladio, einer NATO-Struktur zur Stabilisierung der atlantischen Ordnung gegen alle kontinentalen und linken Gegner, ermordeten 1950 den Vorsitzenden der belgischen Kommunisten Julien Lahaut.[7] Zuvor hatten 500.000 Belgier an einem Streik gegen die Rückkehr des Landes zur Monarchie teilgenommen.

Unter Paul van Zeeland, der im Verlauf des Zweiten Weltkrieges in London gewesen war, wurde die Zollunion der Benelux-Staaten ab 1944 forciert. Unter seinem Nachfolger Paul-Henri Spaak, der als Mitglied der Belgischen Socialistischen Partij (BSP) dem Klassenkompromiss näherstand, wurde die Einbindung in die atlantische NATO aber auch einem Gemeinsamen Markt unter sozialdemokratischen Vorzeichen vollzogen.[8] Die Einbindung Belgiens in europäische Strukturen hatte eine Stärkung der atlantischen Kapitalfraktion zur Folge.[9]

Wie in den anderen westeuropäischen Staaten setzten sich Fordismus und Keynesianismus in der ersten Hälfte des so genannten ‚Kalten Krieges‘ auch in Belgien durch. Nichtsdestotrotz war Ende der 1960er Jahre die belgische Wirtschaft polarisiert. Auf der einen Seite stand die Société Generale mit ihren Mineninteressen in Afrika und der defizitären wallonischen Stahlindustrie und auf der anderen Seite René Boël (Direktor von UCB und Solvay), der Solvay-Konzern an und für sich sowie Albert-Edouard Janssen, der für die Internationale Handelskammer und Bank für Internationalen Zahlungsausgleich arbeitete.[10] Da die wallonische Industrie sich als unfähig erwies, erforderliche Reformen durchzuführen, sank ihr Stern und der Staat wurde zum wichtigsten Investor im gesamten Land.

Kapitalfraktionen in Belgien während der wirtschaftspolitischen Polarisierung in den 1970er und 1980er Jahren

Kapitalfraktionen in Belgien während der wirtschaftspolitischen Polarisierung in den 1970er und 1980er Jahren

Obwohl keine lange Tradition des Neoliberalismus in Belgien bestand, waren die 1980er Jahre durch die neoliberalen Reformen einer konservativ-liberalen Regierung unter Wilfried Martens durch ‚Reagonomics‘ geprägt. Nach das neoliberale Experiment unter Pinochet in Chile ausprobiert wurde und durch Reagan und Thatcher in den USA und Großbritannien exerziert wurden, kam der Neoliberalismus so auf den europäischen Kontinent.[11] 1988 wurde der kontinental ausgerichtete Konzern Société Generale von Suez, welches in Frankreich als Katalysator für anglo-amerikanisches Kapital diente, feindlich übernommen. Die Balance zwischen den Kapitalfraktionen fand durch eine hohe Staatsverschuldung ein Ende und die konservativ-sozialdemokratische Regierung privatisierte große Teile des Staatseigentums. Die Rolle der gesamtbelgischen Bourgeoisie, vor allem wallonisch geprägt, wurde immer unbedeutender und die nationale Einheit verlor eine wichtige Klammer vom oberen Rand der sozialen Hierarchie.

Im Land stieg der Widerstand des Kleinbürgertums gegen die internationale Wirtschaftsintegration des Landes. Mit dem Aufkommen privater Medien wurde eine Basis für Rechtspopulisten wie Bart De Wever geschaffen. De Wever führt die sezessionistisch-neoliberale Nieuw-Vlaamse Alliantie (NVA) an, die sich für eine Sezession Flanderns einsetzt.[12] De Wever ist der Meinung, den belgischen Staat „geruhsam verdunsten“ zu lassen. „Es besteht kein Zweifel, dass es im Fall der Unabhängigkeit Flanderns einen weiteren Satellitenstaat Deutschlands geben würde“, urteilte die griechische Presse.[13] Für den deutschen Imperialismus wäre ein Ziel aus dem Ersten Weltkrieg damit erreicht.

Die belgische Eigenstaatlichkeit steht heute konstant auf der Kippe – aufgerieben wurde der westeuropäische Kleinstaat durch die Eingliederung in die atlantische Wirtschaftsordnung, die Reformunfähigkeit der alten wallonischen Bourgeoisie und den Aufstieg der flämischen herrschenden Klasse (auch durch die neoliberale Ideologie) in Einklang mit deutschen Großmachtinteressen.

[1] van der Pijl, Kees: The Making of an Atlantic Ruling Class, London 1984, S. 48. Hier erwerbbar.
[2] Anschlusspläne, in: german-foreign-policy.com, 11.12.2007. Hier abrufbar.
[3] van der Pijl, Kees: The Making of an Atlantic Ruling Class, Kapitel 9: The Crisis of Atlantic Integration. Hier abrufbar.
[4] Mommen, André: The neo-liberal Experiment and the Decline of the Belgian Bourgeoisie, in: Overbeek, Henk (Hg.): Restructuring Hegemony in the Global Political Economy – The Rise of transnational Neo-Liberalism in the 1980s, London/New York 1992, S. 191. Hier erwerbbar. Google-Books-Seite hier.
[5] Mommen, André: The neo-liberal Experiment and the Decline of the Belgian Bourgeoisie, in: Overbeek, Henk (Hg.): Restructuring Hegemony in the Global Political Economy – The Rise of transnational Neo-Liberalism in the 1980s, London/New York 1992, S. 194. Hier erwerbbar. Google-Books-Seite hier.
[6] van der Pijl, Kees: The Making of an Atlantic Ruling Class, Kapitel 9: The Crisis of Atlantic Integration. Hier abrufbar.
[7] Ganser, Daniele: NATO-Geheimarmeen in Europa  Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, Zürich 2008, S. 205. Hier erwerbbar.
[8] van der Pijl, Kees: Global Rivalries – From the Cold War to Iraq, London 2006, S. 67. Hier erwerbbar.
[9] Mommen, André: The neo-liberal Experiment and the Decline of the Belgian Bourgeoisie, in: Overbeek, Henk (Hg.): Restructuring Hegemony in the Global Political Economy – The Rise of transnational Neo-Liberalism in the 1980s, London/New York 1992, S. 189/190. Hier erwerbbar. Google-Books-Seite hier.
[10] van der Pijl, Kees: The Making of an Atlantic Ruling Class, Kapitel 9: The Crisis of Atlantic Integration. Hier abrufbar.
[11] Mommen, André: The neo-liberal Experiment and the Decline of the Belgian Bourgeoisie, in: Overbeek, Henk (Hg.): Restructuring Hegemony in the Global Political Economy – The Rise of transnational Neo-Liberalism in the 1980s, London/New York 1992, S. 205-211. Hier erwerbbar. Google-Books-Seite hier.
[12] Mommen, André: The transformation process of Belgian capitalism and the rise of Flemish populism, Conference Paper Prag 2011.
[13] Ein neuer Satellitenstaat, in: german-foreign-policy.com, 14.01.2011. Hier abrufbar.


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2 Responses to “Flandern, Wallonien, der Neoliberalismus und der Rheinische Kapitalismus”

  1. Im englisch-liberalen Exil entstanden die ersten Pläne, Freihandelszonen zu gründen. So diskutierten J. van den Broke, Direktor von Royal Dutch Shell und ‚Finanzminister‘ der niederländischen Exilregierung, und Camille Gunt von Société Generale über eine Zollunion. In London entstand die Idee des Benelux-Plans, der jedoch erst nach der Befreiung von den Faschisten in diesen Ländern pubik gemacht wurde.[6]
    Van den Broek = Billiton, nicht Shell; Gutt (nicht Gunt) war später Brufina-Banque de Bruxelles;

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