Kleiner Überblick über die Geopolitik


Die Ursprünge und die Entwicklung der Geopolitik sowie die Kritik an dieser Pseudowissenschaft von damals bis heute

Von David X. Noack

Die Geopolitik ist eine Pseudowissenschaft, die ihre Ursprünge im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hat. Die beiden bedeutendsten Denkschulen dieser Disziplin waren zu jener Zeit die mitteleuropäische (Deutschland und Schweden) sowie die anglo-amerikanische (Großbritannien und die USA). Die mitteleuropäische Geopolitik hatte ihre Wurzeln in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vor allem in den Disziplinen der Anthropologie, der Politischen Geographie und der Anthropogeographie. Als Begründer letzterer beider Wissenschaften galt Friedrich Ratzel [1] – zwei seiner Schüler (Rudolf Kjellén [2] und Karl Haushofer [3]) sollten später den mitteleuropäischen Strang der Geopolitik entscheidend prägen. Eine wesentliche Eigenschaft dieser Denkschule der Geopolitik stellte der Organizismus dar, der in den 1870er Jahren in Deutschland Wirkmächtigkeit erlangt hatte. Staaten wurden demnach als organische Einheiten verstanden – mit gleichen Interessen über alle Klassen und Schichten hinaus. Darüber hinaus prägten  auch sehr stark sozialdarwinistische Ansätze die deutschen Geopolitiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[4] Den Begriff Geopolitik benutzte der schwedische Geographieprofessor Rudolf Kjellén zum ersten Mal 1899 in einem seiner Aufsätze. Sechs Jahre später tauchte der Terminus auch in Deutschland in einem von Kjellén geschriebenen Aufsatz in der Geographischen Zeitschrift auf.[5] Der Begriff breitete sich in der folgenden Zeit immer weiter aus.

Im Zuge des Ersten Weltkriegs wurde der Begriff Geopolitik ab 1916 immer mehr in Deutschland gebraucht.[6] Kjelléns 1914 verfasstes Hauptwerk ‚Die Großmächte der Gegenwart‘ erschien bis zum Kriegsende in Deutschland in 19 Auflagen.[7] Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begann ein Kjellén-Schüler seine Karriere als „Geopolitiker“. So übernahm der pensionierte bayrische Major und Ratzel-Schüler Karl Haushofer 1919 einen Lehrstuhl für politische Geographie in München und gab ab 1924 die Zeitschrift für Geopolitik (ZfGp) heraus. Dieses Magazin stellte das Zentrum des mitteleuropäischen Strangs der Geopolitik in den 1920er und 1930er Jahren dar. Ab 1931 näherten sich Haushofer und die ZfGp immer mehr dem deutschen Nationalsozialismus an und entwickelten sich zu Erfüllungsgehilfen der Faschisten.[8] Über Rudolf Heß [9], einen Studenten, zeitweiligen Assistenten und persönlichen Freund Haushofers, fanden auch einige geopolitische Ideen Eingang in das Denken Adolf Hitlers. Während der Zeit des Nationalsozialismus erlebte die deutsche Geopolitik und die ZfGp eine scheinbare Hochphase und geopolitische Ideen fanden sogar Eingang in den Schulgebrauch.[10] Vor allem in den Vereinigten Staaten hatten einflussreiche Medien den Eindruck verbreitet, dass in München ein „Institut für Geopolitik“ mit bis zu 1.000 Mitarbeitern die deutsche Kriegszielpolitik bis ins Detail geplant hätte.[11] Ein Mythos, der auch zur Wirkmächtigkeit der Geopolitik in Nordamerika beitragen sollte. Tatsächlich fiel Karl Haushofer nach der Flucht von Rudolf Heß 1941 in Ungnade und wurde letztendlich 1944 in das KZ Dachau geschickt. Durch die Verquickung führender deutscher Geopolitiker mit den Nationalsozialisten fand die mitteleuropäische Denkschule der Geopolitik 1945 ihr Ende. 1951 bis 1969 erschien zwar eine Journal mit dem Titel Zeitschrift für Geopolitik erneut [12], jedoch hatte diese außer dem Namen mit ihrem berühmten Pendant aus der Zeit der Weimarer Republik sowie dem Dritten Reich wenig gemein.[13] In den 1960er Jahren „versandeten“ die deutschen geopolitischen Diskurse endgültig.[14]

Parallel zur mitteleuropäischen Denkschule entstand im anglo-amerikanischen Sprach- und Denkraum eine ähnliche Pseudowissenschaft. Die angloamerikanische Denkschule der Geopolitik begründeten im Wesentlichen der Konteradmiral der US-Marine Alfred Thayer Mahan [15] und der britische Geograph Halford Mackinder.[16] Mahans 1890 erschienenes Buch ‚The Influence of Sea Power upon History, 1660–1783’ ließ ihn zu einem der führenden politischen Strategen der Vereinigten Staaten aufsteigen. Im Zentrum des Denken von Mahan, der sich selbst offensiv als „Imperialist“ bezeichnete, standen die Überlegenheit von Seestreitkräften in internationalen Konflikten und die Bedeutung des Seehandels für die Wirtschaft einer Großmacht wie den Vereinigten Staaten von Amerika. Seine einfach lesbaren Texte erreichten in den USA ein großes Publikum und dadurch eine beachtliche Wirkmächtigkeit.[17] Obwohl Mackinder seinen Fokus auf die eurasische Landmasse gesetzt hatte und damit vollkommen andere Ansätze postulierte, gelten bis heute Mahan und Mackinder als die beiden Initiatoren der angloamerikanischen Geopolitik. Die Theorien dieser beiden englischsprachigen Autoren prägten auch über die Weltmeere hinaus die mitteleuropäische Geopolitikschule.[18] Genau wie die deutschen Exponenten hing Mackinder einem organizistischen Gesellschaftsbild an.[19]

Während des Verlaufs des Zweiten Weltkrieges entstand in den USA ein größerer geopolitischer Diskurs. Die Schriften von Mackinder erlebten Neuauflagen und er selbst publizierte weiter über geopolitische Themen. Nicholas J. Spykman [20], einer der Begründer der politikwissenschaftlichen Schule des Realismus der Internationalen Beziehungen, entwickelte die Ideen von Mahan und Mackinder in den 1940er Jahren weiter und konzipierte das so genannte „Rimland“ an den Rändern des Heartland. In der folgenden Zeit der globalen Systemkonfrontation verschmolzen Teile der Pseudowissenschaft der Geopolitik mit Disziplinen der Politikwissenschaft in den Vereinigten Staaten.[21] Während der gesamten Zeit der Systemkonfrontation saßen immer wieder Anhänger von Halford Mackinder an den Schalthebeln der Macht in Großbritannien und den USA.[22] Beispielsweise bei der Formulierung einer US-Außenpolitikstrategie für Südasien Ende der 1940er Jahre kamen die Ideen Mackinders zur praktischen Anwendung.[23]

In den 1990er Jahren erlebte die Geopolitik ein „Revival“.[24] In Russland und den USA veröffentlichten Politiker zunehmend Schriften zu dieser Thematik und vor allem in den USA gelangten mit den von den Theorien Halford Mackinders inspirierten Politikern Paul Wolfowitz und Richard Cheney Mackinder-Anhänger zu großem Einfluss.[25] Eine „Rückkehr zur Geopolitik“ konstatierte auch der Jahresbericht 2011/2012 der ‚Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik‘ in Bezug auf die Rohstoff- und Energiefragen Russlands und Chinas.[26] Doch die zunehmend positive Rezeption dieses Begriffs, der Theoriekonstrukte dieser Pseudowissenschaft und der unreflektierte Umgang mit Begriffen der so genannten Geopolitik steht nicht alleine in den wissenschaftlichen, journalistischen und politischen Diskursen.

Bereits seit Aufkommen der Geopolitik befinden sich diese Theoriekonstrukte im Kreuzfeuer der Kritik. Der französische Geograph Jacques Ancel [27] beschrieb die Geopolitik schlicht als irreführende Ideen.[28] In den 1930er Jahren fanden Elemente der mitteleuropäischen Geopolitikschule als „Legitimationstheorie nationalsozialistischer Großraumpolitik“ ihren „Höhepunkt“.[29] Ein kritischer Diskurs zu dem Thema konnte damals in Deutschland nicht geführt werden. Dafür erfolgte der Einschnitt danach umso deutlicher. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges endete die Phase der „klassischen Geopolitik“ in Deutschland.[30] Seitdem werden – vor allem im deutschsprachigen Raum – unterschiedlichste Ansätze unter dem Begriff Geopolitik verstanden.[31] Nach 1945 waren vor allem deutsche Geographen bemüht, die Unterscheidung zwischen der als korrumpiert eingestuften Geopolitik und der Politischen Geographie zu betonen.[32] Im angelsächsischen Raum hingegen ging die angloamerikanische Geopolitikschule „[relativ] nahtlos“ in die Politikschule des Realismus über.[33] Diese Denkschule der Internationalen Beziehungen prägte – mit ihren Variationen wie dem Neorealismus – das Denken vieler US-Politiker während der Zeit der Systemkonfrontation.

Mit Beginn der 1990er Jahre wiederum entstand die Denkschule der Kritischen Geopolitik, die zum ersten Mal die Geopolitik selbst als Forschungsgegenstand hatte.[34] Der berühmteste Vertreter dieser Denkrichtung, Gearóid Ó Tuathail [35], beschrieb die Ideen Mackinders von 1904 und 1919 als Versuch einer Elite, eine „aus den Fugen geratende Welt mit ihrer imperialistischen Perspektive zu disziplinieren“.[36] Ó Tuathail kritisierte weiterhin die Ideen der „klassischen Geopolitik“ als imperialistisch und nicht nur als sozialdarwinistisch, sondern als neo-lamarckistisch.[37]/[38] An allen geopolitischen Denkern von der Frühzeit bis in die Gegenwart dieser Theorien bemängelte er außerdem die Versuche der Entpolitisierung, die imperialistische, expansionistische und militaristische Entwicklungen zu naturhaften Prozessen verklärt.[39] Trotz dieser kritischen Thematisierung der geopolitischen Ideen steigt der Einfluss dieser Theorien wieder an.[40] Diese historischen, philosophischen und politischen Kontexte sollten beim Umgang mit der Geopolitik, ihrer Vertreter und ihrer politischen Schlussfolgerungen immer beachtet werden.

[1] Friedrich Ratzel (geb. am 30.08.1844 in Karlsruhe; gest. am 09.08.1904 in Ammerland am Starnberger See) war ein deutscher Zoologe und Geograph.
[2] Rudolf Kjellén (geb. am 13.06.1864 in Torsö, Schweden; gest. am 14.11.1922 in Uppsala, Schweden) war ein schwedischer Geograph und Staatswissenschaftler, 1905-1908 und 1911-1917 Mitglied des schwedischen Parlaments.
[3] Karl Haushofer (geb. am 27.08.1869 in München; gest. am 10.03.1946 bei Pähl) war ein deutscher Offizier und Geograph.
[4] Vgl. Bakker, Geert: Duitse Geopolitiek, 1919-1945: Een imperialistische Ideologie, Assen 1967, S. 169/170.
[5] Vgl. Sprengel, Rainer: Kritik der Geopolitik – Ein Deutscher Diskurs, 1914-1944, Berlin 1996, S. 26/27. Hier erwerbbar.
[6] Vgl. Bakker: Duitse Geopolitiek, 1919-1945, S. 172.
[7] Vgl. Sprengel: Kritik der Geopolitik – Ein Deutscher Diskurs, 1914-1944, S. 28.
[8] Vgl. Bakker: Duitse Geopolitiek, 1919-1945, S. 172.
[9] Rudolf Heß (geb. am 26.04.1894 in Alexandria, Ägypten; gest. am 17.08.1987 in Westberlin) war ein Politiker der NSDAP und 1933-1941 Stellvertreter Hitlers.
[10] Vgl. Bakker: Duitse Geopolitiek, 1919-1945, S. 177.
[11] Vgl. Ebenda, S. 168.
[12] Osterhammel, Jürgen: Die Wiederkehr des Raumes: Geopolitik, Geohistorie und historische Geographie, in: Neue Politische Literatur 43, Jg. 42, Nr. 3 (1998), S. 374-397, hier: S. 393Fn6.
[13] Vgl. Bakker: Duitse Geopolitiek, 1919-1945, S. 178.
[14] Zitiert nach: Sprengel: Kritik der Geopolitik – Ein Deutscher Diskurs, 1914-1944, S. 36.
[15] Alfred Thayer Mahan (geb. am 27.09.1840 in West Point, USA; gest. am 01.12.1914 in Washington, USA) war ein berühmter Marineoffizier der USA sowie Marineschriftsteller und -stratege.
[16] Sir Halford John Mackinder (geb. am 15.02.1861 in Gainsborough, Großbritannien; gest. am 06.03.1947 in London, Großbritannien) war ein britischer Geograph und Geopolitiker.
[17] Vgl. Sumida, Jon: Alfred Thayer Mahan, Geopolitician, in: Journal of Strategic Studies, Jg. 22, Nr. 2/3 (1999), S. 39-62, hier: S. 39/40.
[18] Zu Mahan siehe: Sumida: Alfred Thayer Mahan, Geopolitician, S. 40/41; zu Mackinder siehe: Herwig, Holger H.: Geopolitik: Haushofer, Hitler and Lebensraum, in: Journal of Strategic Studies, Jg. 22, Nr. 2/3, S. 218-241, hier: S.220-237.
[19] Vgl. Ashworth, Lucian M.: Realism and the spirit of 1919: Halford Mackinder, geopolitics and the reality of the League of Nations, in: European Journal of International Relations, Jg. 17, Nr. 2 (2011), S. 279-301, hier: 298Fn6.
[20] Nicholas Spykman (geb. 1893; gest. 1943) war ein Politikwissenschaftler in den USA mit niederländischen Wurzeln.
[21] Vgl. Helmig, Jan: Metaphern in geopolitischen Diskursen – Metaphorische Raumrepräsentationen in der Debatte um die amerikanische Raketenabwehr, Wiesbaden 2008, S. 55. Hier erwerbbar.
[22] Vgl. Kearns, Gerry: Geopolitics and Empire – The Legacy of Halford Mackinder, Oxford/New York 2009, S. 24-25. Hier erwerbbar.
[23] Vgl. Meyer-Mahnkopf, Cordula: Bürgerrechte im frühen Kalten Krieg – Racism als Faktor amerikanischer Südostasienpolitik, 1947-1955, Diss., Berlin 2008, S. 54/55.
[24] Vgl. Ebenda, S. 6/9.
[25] Vgl. Ebenda, S. 7/8.
[26] Zitiert nach: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.: Jahresbericht 2011/2012, Berlin 2012, S. 40.
[27] Jacques Ancel (geb. 1882; gest. 1943) war ein französischer Geograph und Dozent an der Universität von Paris.
[28] Vgl. Bakker: Duitse Geopolitiek, 1919-1945, S. 168.
[29] Zitiert nach: ten Brink, Tobias: Geopolitik – Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz, Münster 2008, S. 16Fn1. Hier erwerbbar.
[30] Vgl. Ó Tuathail, Gearóid: Geopolitik – Zur Entstehungsgeschichte einer Disziplin, in: Lacoste, Yves et al.: Geopolitik – Zur Ideologiekritik politischer Raumkonzepte, Wien 2001, S. 9-28, hier: S. 9. Hier erwerbbar.
[31] Vgl. Sprengel: Kritik der Geopolitik – Ein Deutscher Diskurs, 1914-1944, S. 11.
[32] Vgl. Ebenda, S. 19.
[33] Vgl. Albert, Mathias; Reuber, Paul; Wolkersdorfer, Günter: Kritische Geopolitik, in: Schieder, Siegfried; Spindler, Manuela (Hgg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen/Farmington Hills (MI) 20062, S. 527-551, hier: 528. Hier erwerbbar.
[34] Vgl. Ebenda, S. 537.
[35] Gearóid Ó Tuathail (auch Gerard Toal) (geb. 1962) ist Professor für Internationale Beziehungen an der Virginia Polytechnic Institute and State University.
[36] Zitiert nach: Ó Tuathail: Geopolitik – Zur Entstehungsgeschichte einer Disziplin, S. 16.
[37] Vgl. Ebenda, S. 9/10.
[38] Der Lamarckismus ist eine vom französischen Biologen Jean-Baptiste de Lamarck (geb. am 01.08.1744 in Bazentin-le-Petit, Frankreich; gest. am 18.19.1829 in Paris, Frankreich) entwickelte Evolutionstheorie, die davon ausgeht, dass eine höhere Macht das Überleben von speziellen Gruppen vorhergesehen hat.
[39] Vgl. Ó Tuathail: Geopolitik – Zur Entstehungsgeschichte einer Disziplin, S. 26/27.
[40] Vgl. Ritz, Hauke: Die Rückkehr der Geopolitik – Eine Ideologie und ihre fatalen Folgen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Jg. 57, Nr. 3 (2013), S. 71-80.

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