Großbritanniens Finanzindustrie wehrt sich gegen deutsche Vormachtstellung


Ein Gastbeitrag von Mirko Knoche*

Wappen der City of London. Bildquelle: Wikipedia

Kappt die Insel ihre Verbindungen zum Kontinent? Der britische Premierminister David Cameron hat es auf dem Gipfeltreffen der Europäischen Union (EU) Anfang Dezember 2011 in Brüssel abgelehnt, die Verträge des Staatenbunds zu ändern. Noch in der Nacht zum 9. Dezember wollten ihm Schweden, Tschechien und Ungarn den Rücken stärken. Tagsüber knickten deren Regierungschefs dann aber ein. Von 27 EU-Mitgliedsländer wollen nun 26 einen Separatvertrag abschließen, um scharfe automatische Haushaltskontrollen einzuführen. So soll der Zusammenhalt der Euro-Zone gesichert werden.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hoffte, mit ihrer Isolationspolitik die Briten doch noch zu einer Vertragsänderung zu zwingen. Bereits Wochen vorher hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble London prophezeit, der Euro werde eines Tages auf die Insel kommen, ob man den dort wolle oder nicht. Gepaart mit CDU-Bundestagsfraktionschef Volker Kauders Ausfall, in Europa werde „Deutsch gesprochen“, ruft das in England, Schottland und Wales ungute Erinnerungen wach. Als letzter Versuch der Deutschen, Europa zu ihren Bedingungen zu einen, gilt dort der Zweite Weltkrieg.

Doch nach der Ablehnung des Fiskalpaktes machte sich in Großbritannien Erleichterung breit. „Cameron hat das richtige getan, aber aus den falschen Gründen“, kommentierte Bill Benfield. Der Mann ist Chefredakteur der Londoner Tageszeitung Morning Star. Tory-Premier Cameron hatte seine Ablehnung am Freitag des 9. Dezember damit begründet, dass er anders die Interessen des Vereinigten Königreichs nicht wahren könne. Damit war freilich der Finanzplatz in der Londoner City gemeint und nicht die Souveränität der Wähler. An eben diesem Punkt waren die nächtlichen Verhandlungen gescheitert. Cameron akzeptierte keine neuen Brüsseler Vorgaben für die Geldinstitute in der „Squaremile“ (Quadratmeile). So tauchte etwa die Idee einer europaweiten Finanztransaktionssteuer immer wieder in den Gesprächen auf. Das lehnt die Koalition aus Tories und Liberaldemokraten in Westminster vehement ab.

Die City of London wird von einer Kaufmannsgilde verwaltet. Die Kontrolle üben Vertreter großer, auch ausländischer Banken, aus. Die Gilde genießt Sonderrechte und nutzt diese für den freien Kapitalverkehr. So bilden die Geldhäuser in der City und der benachbarten Canary Wharf den bedeutendsten Finanzplatz der Welt. Zwar ist die größte Börse an der Wall Street in New York beheimatet. Doch werden nirgendwo so viele Umsätze zwischen Banken getätigt wie an der Themse. Diesen Rang wollen die Briten keinesfalls an die Handelsmetropole Frankfurt am Main verlieren.

Das Herz der City of London: Bank of England und Londoner Börse. Bildquelle: FreeFoto.com

Die Internationalisierung und massive Ausweitung der Finanzaktivitäten der City begann während der Thatcher-Administration (1979-1990). Bereits ab den 1970er Jahren waren britische Banken immer mehr international engagiert, vor allem in Japan. Die bedingungslose Öffnung der britischen Finanzmarktregeln sollte den Niedergang der heimischen Industrie auf internationalem Parkett ausgleichen. Die Liberalisierung begann 1983, bereits 1985 waren die britischen Übernahmen von Assets in den Vereinigten Staaten gegenüber dem Vorjahr um 33% angestiegen.[1]

Gegenläufige Kapitalinteressen gibt es kaum. Bereits in den 1970er Jahren machte die britische Industrie eine Entwicklung durch, die später auch in anderen Ländern folgte: Die Finanzexperten liefen den Unternehmen und technischen Experten von Unternehmensführungen den Rang ab und setzten sich vollends durch. Der bereits von Kurt Gossweiler für die Zeit der Weimarer Republik beschriebene Prozess, dass sich die Banken über die Industrie erheben wollen, fand seinen Abschluss.[2] Eine nationale britische Industrie, die um jeden Preis den europäischen Binnenmarkt verteidigen wollen würde und dafür Kompromisse eingehen wollte existiert nicht. In Großbritannien gruppierten sich die Industriezweige um die Midland Bank das Bankhaus Philip Hill.[3] Die ursprünglich Birmingham und Midland Bank verfehlte es, sich international mit anderen industriefreundlichen Kapitalfraktionen zu verbinden und ging unter. 1992 wurde die Midland Bank von der atlantischen Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) aufgekauft. Die Industriefraktion des britischen Kapitals ging den Bach runter. Heute ist in keinem entwickelten Land die Deindustrialisierung so weit fortgeschritten wie auf der Insel. Der gemeinsame Markt habe diesen Prozess noch beschleunigt, sagt Morning-Star-Chef Benfield. Immerhin bleibe der Insel nun ein „europäischer Superstaat“ erspart.

In Großbritannien setzen sich viele Konservative für einen vollständigen Ausstieg aus der EU ein, streben aber gleichzeitig engere Bande zu den USA an, getreu der „Special Relationships“ (Sonderbeziehung). Während es in Deutschland Euroskeptiker in großer Zahl nur auf der Rechten gibt, verfolgt in Großbritannien auch die Linke eine europakritische Linie. Die will sich sowohl von Brüssel als auch von Washington unabhängig machen.

Wie alle Briten fürchten die Linken eine deutsche Dominanz in Europa, so auch Benfield. Das erpresserische Vorgehen von Kanzlerin Merkel bestätigt sie darin. Die Skepsis ist aber nicht nationalistisch motiviert. „Die bürgerliche Propaganda verschleiert, dass in Rom und Athen gerade die Demokratie abgeschafft wurde“, wendet der Journalist ein. Faktisch handele es sich bei der Einsetzung zweier Eurokraten als Regierungschefs um einen Finanzputsch. Die Griechen würdennach dem Obristenregime der 60er und 70er Jahre zum zweiten Mal seit Kriegsende um ihre Menschenrechte betrogen. Griechenland war das erste NATO-Land, welches von diesem atlantischen Militärbündnis eine Diktatur aufgezwungen bekommen hat.[4] Nachdem eine staatlich forcierte Industrialisierung die veralteten Sozialstrukturen des Landes aufbrach, initiierte die herrschende Klasse des Landes mit Duldung der USA einen Militärputsch, um einem Linksrutsch vorzubeugen.[5]

Welchen Weg nun das Europa der 26 nehmen wird, darüber kann auch Benfield nur spekulieren. Gleichgeschaltete Haushalte, also die Fiskalunion, kämen einem Superstaat gleich, also der politischen Union. Dann verlöre die Herrschaft des Finanzkapitals seine demokratische Maske. „Budgetstrafen aus Brüssel, das unterscheidet sich nicht von der direkten Herrschaft Westminsters über Irland von 1972 bis 2007“, erläutert der Londoner Chefredakteur. Doch auch die Fiskalunion „trägt ihren eigenen Tod schon in sich“, sagt er mit Blick auf die Anarchie am Kapitalmarkt. Vorerst, so viel ist klar, bleiben seine Landsleute vom Euro-Diktat verschont.

So gilt für Großbritannien weiter ein geflügeltes englisches Wort. Wenn Nebelbänke die Kanaldurchfahrt vor Dover blockieren, geht stets die Meldung über den Äther: „Der Kontinent ist isoliert“.

[1] Overbeek, Henk: Global Capitalism and National Decline – The Thatcher decade in perspective, London 1990, S. 196/197. Hier erwerbbar.

[2] Gossweiler, Kurt: Großbanken | Industriemonopole | Staat – Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914–1932, Berlin 1971, passim. Hier erwerbbar.

[3] van der Pijl, Kees: The Making of an Atlantic Ruling Class, London 1984, Kapitel 4: The New Deal Synthesis. Hier abrufbar. Hier erwerbbar.

[4] van der Pijl, Kees: Global Rivalries – From the Cold War to Iraq, London 2006, S. 141. Hier erwerbbar.

[5] Ebenda.

Ursprüngliche Fassung erschienen in der jungen Welt am 10.12.2011. Ergänzungen von David X. Noack. Änderung und Veröffentlichung mit Genehmigung des Autors.

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One Comment to “Großbritanniens Finanzindustrie wehrt sich gegen deutsche Vormachtstellung”

  1. Großbritannien und Deutschland konkurrieren letztlich beide als Finanzmarktstandorte in der US-dominierten Weltwirtschaftsordnung – die Frage, die sich bei diesem „Teile und Herrsche“ stellt, ist doch, inwiefern sich die USA jeweils die Rivalität der beiden Staaten zum Vorantreiben der eigenen Agenda zunutze machen kann. Das wird in beiden Staaten selten gesehen.

    Außerdem hängt Großbritannien noch immer irrationalerweise alten Empire-Träumen nach, von denen sie mit ihrer „Special Relationship“ zu den USA wenigstens noch ein wenig zu retten versuchen. Diese quasi vollständige Unterwerfung unter amerikanische Außen- und Außenwirtschaftspolitik, trotz teilweise konkurrierender Interessen, ist schon ziemlich arm…

    Aber in Deutschland versucht man ja auch in weiten Teilen des Establishments, das bessere Hündchen zu sein, und erhofft sich davon entsprechende Vorteile. Das wird vor allem eine relativ freie Hand bei der Dominanz der EU-Wirtschafts- und Finanzpolitik sein – ein „deutsches“ Europa ist völlig akzeptabel, so lange Deutschland in den wesentlichen Grundsatzfragen Satellitenstaat der USA bleibt.

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