Kapitalfraktionen in Deutschland I – Der Atlantik oder der Kontinent


Von David X. Noack

Hjalmar Schacht

„Das gesellschaftliche »Gesamtkapital existiert nicht als bewusst handelndes Subjekt« (Hickel 1975). Das gemeinsame Interesse der Kapitalisten an der Ausbeutung der Arbeiterklasse setzt sich in der Konkurrenz der Einzelkapitale durch. »Lassen sich aber spezifische Widersprüche von Einzelkapitalien bündeln, so knüpft sich daran ein Interesse an, das den Begriff der Kapitalfraktion rechtfertigt« (…).“

Thomas Sablowski: Kapitalfraktionen, HKWM 7/I, 2008.



Die Entstehung der Kapitalfraktionen, wie sie im Großen und Ganzen bis heute das politische und wirtschaftliche Leben in Deutschland prägen ist auf die Zwischenkriegszeit zurückzudatieren. Bis zum Ersten Weltkrieg hatten im Deutschen Kaiserreich die gegen Freihandel gerichteten Junker sowie die beiden industriellen Hauptgruppen „Kohle-Eisen-Stahl“ sowie „Elektro-Chemie“ Politik und Wirtschaft des Landes dominiert. Letztere beiden Gruppen lieferten sich im deutschen Kaiserreich über Jahrzehnte heftige Auseinandersetzungen über die Dominanz in Deutschland. [1] Nach der Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg sowie dem Versailler Vertrag kam bei den deutschen industriellen Hauptgruppen die Frage auf, wie man zu „alter Größe“ zurückkehren könne. Eine Variante bildete ein deutsch-französisches Zusammengehen, wie es vor allem britischerseits kritisch beäugt wurde. [2]

Die Idee einer deutsch-französischen Montanunion kam auf, jedoch sahen Großbritannien und die Vereinigten Staaten das Potenzial einer französischen Hegemonie über Europa und torpedierten alle deutsch-französischen Annäherungsversuche, die Paris den Zugriff auf die wichtigen deutschen Rohstoffe gegeben hätte. „[Der] Gedanke eines deutsch-französischen Eisen- und Stahlkartells hat die amerikanische Diplomatie noch lange beschäftigt und beunruhigt.“[3] Als letzten Ausweg favorisierten einige Ruhrindustrielle den Separatismus und wollten sich Frankreich anschließen. [4] Ein politischer Repräsentant dieser Linie war der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (Zentrum).

In Deutschland gab es keinen einheitlichen Kurs zur Bewältigung der Nachkriegskrisen bzw. revolutionären Erhebungen im Land. Katastrophen- und Erfüllungspolitik – die laut Gossweiler als zwei Seiten einer Medaille zu sehen sind – versuchten das Maximum für das deutsche Kapital rauszuholen. Politische Konkurrenz gab es bei der Ausrichtung der Außenpolitik – während Rathenau und Wirth z.B. auf einen Ausgleich mit der Sowjetunion setzten [5], favorisierten Cuno und Stresemann eine Annäherung an die USA, um an das nötige Kapital zu kommen, damit Deutschland wieder Mittel- und Großmacht werden könne. Die Variante Ostorientierung hätte zwar keine Kredite, dafür aber den Zugriff auf immens große Rohstoffquellen, wie das Öl in Baku, versprochen.

Im Verlauf der Weimarer Republik gab es in der deutschen Industrie zwei Kurse, wie mit der bürgerlichen Demokratie umzugehen sei – der „wendig-parlamentarische“ Weg und die harte Opposition (letzere wird auch „abenteuerlich-militaristisch“, „konservativ-imperialistisch“ oder „extrem-reaktionär“ genannt). [6] Während Gertrud Theodor in ihrer Friedrich Naumann-Biographie davon ausging, dass die „wendig-parlamentarische“ deutsche Kapitalfraktion nahezu komplett in die atlantische überging, widerspricht ihr Kurt Gossweiler in diesem Aspekt. [7]

Mit dem Dawes-Plan begann laut Gossweiler die „Dawesierung“ Deutschlands – und die Etablierung einer atlantischen Kapitalfraktion in diesem Land. [8] Mit Horace Greeley Hjalmar Schacht [9] hatte J.P. Morgan jr. einen engen Vertrauten, der dem amerikanischen Finanzkapital eine Stellung in der deutschen Wirtschaft den Weg bereitete. [10] Bei einer persönlichen Begegnung hatte Morgan bereits 1905 bei Schacht einen bleibenden Eindruck hinterlassen und letzterer blieb ersterem auf ewig treu verbunden. [11] Schacht war Morgan stets treu ergeben und handelte im Interesse des New Yorker Bankhauses Morgan – sogar gegen die Interessen der jeweiligen Reichsregierungen, selbst wenn er ihr selbst angehörte. [12] Schacht war von 1923 bis 1930 Reichsbankpräsident (erneut von 1933 bis 1939).

Bei der Etablierung der Vereinigten Stahlwerke AG (Vestag) im Januar 1926 griff der Großindustrielle Fritz Thyssen auf Kredite des nordamerikanischen Bankhauses Dillon, Read & Co. zu, um sich einen Vorteil gegenüber anderen deutschen Großindustriellen zu sichern. So schuf er ein Einfallstor für J.P. Morgan & Co. in die deutsche Ruhrschwerindustrie und damit das Herz der damaligen Kapitalfraktionskämpfe. [13] Die Danatbank (Darmstädter und Nationalbank) wurde zum Treuhänder der nordamerikanischen Anleihegläubiger und als solcher Führer des Anleihebankenkonsortiums der Vestag. Durch die Person Schacht aber auch durch andere personelle Überkreuzungen war die Danatbank eng mit der Dresdner Bank verflochten. Beide Banken unternahmen auf den globalen Finanzmärkten eine Arbeitsteilung – die Danatbank investierte in die riskanteren Geschäfte und die Dresdner konzentrierte sich auf die konservativeren Anlagen. [14]

Die Dresdner und die Danatbank gingen die Allianz mit dem US-Finanzkapital aus einer Position der Schwäche ein. [15] Bis zum Aufstieg dieser beiden Bankhäuser hatten die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft das deutsche Finanzwesen dominiert. [16] Die Danatbank ging mit ihren riskanten Geschäften auf Angriffskurs und brach in die IG Farben ein, um die Stellung von Deutscher Bank und Disconto-Gesellschaft zu brechen. So wurde unter anderem die Rheinische Braunkohlen AG akquiriert und die Danatbank brach in die Elektro-, Kohle-, Eisen-, Stahlindustrie, den Schiffbau und das Brauereiwesen ein. [17]

Die „kontinentale Fraktion“ Deutschlands (bei Gossweiler „alldeutsche“) gruppierte sich um die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft. Die Chemie-Konzerne um die DB – allen voran die IG Farben – unterhielten genau wie die amerikanische Fraktion gute Kontakte über den Atlantik hinweg, jedoch immer auf Augenhöhe und nie als Juniorpartner. Im Gegensatz zu Thyssen wurden jedoch nicht Partner der Morgan-Bank als bevorzugte Überseeansprechpartner gewählt, sondern Firmen wie DuPont (Chemie-Industrie, z.B. Teflon) sowie Rockefeller und Ford. [18]

Alle Banken, die die Kapitalfraktionen anführten, hatten jedoch ein gemeinsames Ziel: „Das gemeinsame Interesse aller Banken bestand darin, das Übergewicht des Bankkapitals über das Industriekapital, das sich in der Inflation zwangsläufig abgeschwächt hatte, durch die Unterordnung des mächtigen Industriekomplexes unter das Diktat der Banken eindeutig wieder zu befestigen.“ [19]

Das Ende der so genannten Weimarer Republik wurde am 4. Januar 1933 im Bankhaus Stein besiegelt. Franz von Papen und Adolf Hitler einigten sich auf die Reichskanzlerschaft Hitlers. Das Bankhaus Stein gehörte zu einer Gruppe Finanzanstalten, die sowohl mit der amerikanischen als auch der kontinentalen Fraktion Deutschlands Geschäfte trieben. Bei dem Treffen Papens mit Hitler war auch John Foster Dulles, später Außenminister der USA unter General Eisenhower (1953-1959), teil. [20]

Hatte bis 1932 die „alldeutsche Fraktion“ des deutschen Kapitals noch auf eine Militärdiktatur gesetzt, in der verschiedene Elemente vom Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bis zur SA unter Röhm beteiligt werden würde, konnten Thyssen und Schacht dies verhindern und setzten eine Hitler-Diktatur durch, in der beide deutschen Kapitalfraktionen gleichmäßig repräsentiert waren. [21] Durch den so genannten „Röhm-Putsch“ konnte sich vorerst die atlantische Fraktion im Dritten Reich durchsetzen, doch die Konflikte gingen bis zum Kriegsende weiter. [22]

Im Verlauf der Weimarer Republik sind die zwei bedeutenden Kapitalfraktionen in Deutschland entstanden, die bis heute existieren – die atlantische und die kontinentale.

Grafik über die Kapitalfraktionen, wie sie in der Zeit der Weimarer Republik entstanden sind. Entnommen aus: Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 344. Veröffentlichung mit Genehmigung des Autors.

Grafik über die Kapitalfraktionen, wie sie in der Zeit der Weimarer Republik entstanden sind. Entnommen aus: Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 344. Veröffentlichung mit Genehmigung des Autors.

[1] Gossweiler, Kurt: Großbanken | Industriemonopole | Staat – Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914–1932, Berlin 1971, S. 18. Hier erwerbbar.
[2] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 269.
[3] Gescher, Dieter Bruno: Die Vereinigten Staaten von Nordamerika und die Reparationen 1920-1924, Bonn 1956, S.131, zitiert nach Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 175, sowie allgemein Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 174-182.
[4] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 266-271.
[5] Joseph Wirth (Reichskanzler 1921-22, Zentrum später CDU) setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Neutralisierung Deutschlands und eine Anbindung an die Sowjetunion ein und war zeitweilig von Moskau als DDR-Staatschef gehandelt worden.
[6] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 107-108.
[7] Theodor, Gertrud: Friedrich Naumann oder der Prophet des Profits – Ein biographischer Beitrag zur Geschichte des frühen deutschen Imperialismus, Berlin 1957, S. 14/19/294/254 sowie Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 306.
[8] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 281-306.
[9] Horace Greeley Hjalmar Schacht wurde vor allem als Hjalmar Schacht in Deutschland bekannt. Er wäre fast als US-Amerikaner auf die Welt gekommen und hegte familiäre Verbindungen über den Atlantik hinweg bis in die Nachkriegszeit. Bei den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof berief er sich auf seinen guten Ruf, den er auch weiterhin bei seinen US-amerikanischen Brüdern hatte. Vgl. Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 92-94.
[10] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 281-294.
[11] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 93.
[12] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 287 sowie 315.
[13] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 304.
[14] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 326-327.
[15] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 304-306.
[16] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 37-42 sowie 339-354.
[17] Säuberlich, Hans: Das Großbankkapital und der Staat in der Weltwirtschaftskrise 1931/32 in Deutschland, Berlin 1964, S. 57-58, zitiert nach Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 327.
[18] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 332-334.
[19] Gossweiler: Großbanken | Industriemonopole | Staat, S. 298.
[20] Deschner, Karlheinz: Der Moloch, München 1992, S. 226-227.
[21] Gossweiler, Kurt: Blutiger Richtungskampf – Der »Röhm-Putsch«, der keiner war | Legenden und Tatsachen um den 30. Juni 1934 (Teil II und Schluß), in: junge Welt, 30.06.2004. Hier abrufbar. Weiterführendes in: Gossweiler, Kurt: Der Putsch der keiner war – Die Röhm-Affäre 1934 und der Richtungskampf im deutschen Faschismus, Köln 2009. Verlagsseite hier und das Buch ist hier erwerbbar.
[22] Gossweiler, Kurt: Monopolistische Krisenbewältigung – Der »Röhm-Putsch«, der keiner war | Legenden und Tatsachen um den 30. Juni 1934 (Teil I), in: junge Welt, 30.06.2004. Sowie Gossweiler, Kurt: Blutiger Richtungskampf – Der »Röhm-Putsch«, der keiner war | Legenden und Tatsachen um den 30. Juni 1934 (Teil II und Schluß), in: junge Welt, 30.06.2004. Hier abrufbar.


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4 Responses to “Kapitalfraktionen in Deutschland I – Der Atlantik oder der Kontinent”

  1. Und ihr glaubt, daß die „kontinentale“ Kapitalfraktion besser ist als die „atlantische“? Und daß diese Kapitalfraktionen ein ganzes Kapitalistenleben oder sogar mehrere Kapitalistengenerationen lang immer konstant blieben? Freilich zeigt di…e Familiengeschichte der Kieps z.B. daß das möglich ist. Aber wäre es dann nicht besser, von „politisch-ökonomischen gangs“ oder „Mafias“ zu sprechen als von „Kapitalfraktionen“? Und gab es diese gangs nicht schon immer und überall, seit es Staaten gibt? Zu letzterem Gedanken empfehle ich euch Ronald Syme „Die römische Revolution“

  2. Eine weitere Frage wäre: wie stark ist die Kontrolle dieser Kapitalfraktionen über die Volkswirtschaften bzw. gar über die ganze Weltwirtschaft wirklich? Natürlich streben sie alle eine Zentralisierung der Ressourcen in ihren Händen an, doc…h wie weit ist das überhaupt möglich? Klar können einzelne Bankenkartelle die Spekulation z.B. gegen eine eine beliebige nationale Währung bis zu einem gewissen Grad steuern und damit ganze Länder erobern, aber können sie die ganze Globalisierung mit ihren völlig neuen Transport-, Kommunikations- und Informationsmitteln und dem entfesselten Freihandel wirklich hervorrufen und kontrollieren? Überschätzt ihr nicht ihre Macht?

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